Was ist Extraversion und Introversion?
Oft versteht man darunter Eigenschaften:
offen oder zurückhaltend.
Bei Jung bedeutet es etwas anderes.
Extraversion und Introversion
Allgemeine Einstellungstypen
Carl Gustav Jung führt die Unterscheidung zwischen Extraversion und Introversion als eine Unterscheidung zwischen allgemeinen Einstellungstypen ein. Es geht dabei um eine grundlegende Ausrichtung der Psyche in ihrem Verhältnis zum Objekt.
Jung schreibt:
Die allgemeinen Einstellungstypen, die ich als „introvertiert“ oder „extravertiert“ bezeichnet habe, unterscheiden sich durch ihre eigentümliche Einstellung zum Objekt.
Die allgemeinen Einstellungstypen unterscheiden sich durch die Richtung ihres Interesses, ihrer Libidobewegung.
Jung verweist damit von Anfang an auf zwei zentrale Aspekte:
- das Verhältnis zum Objekt;
- die Richtung des Interesses, das heißt die Richtung der Libidobewegung.
Libido und Interesse
Unter Libido versteht Jung psychische Energie überhaupt und nicht eine bestimmte Form des Triebes. Er gibt folgende Definition:
Unter Libido verstehe ich die psychische Energie.
Psychische Energie ist die Intensität des psychischen Vorganges, sein psychologischer Wert.
Jung betont, dass dieser Wert keine moralische, ästhetische oder intellektuelle Zuschreibung ist, sondern sich ausschließlich aus der bestimmenden Kraft ergibt, die sich in konkreten psychischen Wirkungen äußert.
Wenn Jung von der „Richtung des Interesses“ spricht, führt er keinen eigenständigen psychologischen Begriff ein. Interesse ist bei Jung die Richtung der Libidobewegung, also die Weise, in der sich psychische Energie in der Orientierung des Subjekts äußert. Die Unterscheidung der Einstellungen kann daher gleichermaßen als Unterschied in der Richtung des Interesses wie als Unterschied in der Bewegung der Libido beschrieben werden.
Das Verhältnis des Introvertierten zum Objekt
Jung beschreibt die introvertierte Einstellung folgendermaßen:
Der Introvertierte verhält sich abstrahierend zum Objekt; er ist im Grunde genommen immer darauf bedacht, dem Objekt die Libido zu entziehen, wie wenn er einer Übermacht des Objektes vorzubeugen hätte.
Damit ist weder ein Rückzug vom Objekt noch dessen Verneinung gemeint, sondern die Entziehung der bestimmenden Kraft vom Objekt. Die introvertierte Einstellung ist dadurch gekennzeichnet, dass psychische Energie dem Objekt nicht als Quelle der Bedeutsamkeit überlassen wird. Das Objekt soll keine übermäßige Macht über den Menschen erlangen.
Das Verhältnis des Extravertierten zum Objekt
Die extravertierte Einstellung beschreibt Jung in entgegengesetzter Weise:
Der Extravertierte dagegen verhält sich positiv zum Objekt.
Er bejaht dessen Bedeutung in dem Maße, dass er sich beständig nach dem Objekt orientiert und sich auf dieses bezieht.
Im Grunde genommen hat das Objekt für ihn nie genügend Wert, und darum muss dessen Bedeutung erhöht werden.
Die extravertierte Einstellung ist dadurch gekennzeichnet, dass die psychische Energie auf das Objekt gerichtet ist und das Objekt zum Orientierungspunkt wird. Das Objekt erhält damit die bestimmende Kraft.
Kompensation und Einseitigkeit der Einstellung
Jung maß der Tatsache große Bedeutung bei, dass die bewusste Einstellung niemals isoliert existiert. Nach Jung wird eine introvertierte oder extravertierte bewusste Einstellung durch eine entgegengesetzte unbewusste Einstellung kompensiert.
Extreme Formen der Introversion oder Extraversion, die sich entweder als Rückzug vom Objekt und sogar als dessen Verneinung oder aber, im Gegenteil, als Verschmelzung mit ihm und Auflösung in ihm äußern, betrachtete Jung als Folge eines Ungleichgewichts — eines übermäßigen Übergewichts der bewussten Einstellung gegenüber der unbewussten.
Ursprung des Einstellungstyps
Jung betont, dass der Einstellungstyp nicht durch bewusste Wahl gebildet wird und sich nicht unmittelbar durch Erziehung erklären lässt. Seine Quelle ist unbewusst und instinktiv. Extraversion und Introversion sind daher keine erlernten psychologischen Strategien, sondern tief verankerte Einstellungen natürlichen Ursprungs.
Einstellung als Anpassung
Jung stellt fest, dass die Einstellung zum Objekt der Anpassung dient. In der Biologie bezeichnet der Begriff Anpassung den Prozess, durch den Organismen durch natürliche Selektion besser an ihre Umwelt angepasst werden. In der darwinistischen Theorie ist Anpassung nicht bloß „Verstehen“ oder „Wohlbefinden“, sondern ein evolutionäres Ergebnis, das Überleben und Fortpflanzung ermöglicht.
In seiner Theorie der natürlichen Selektion beschreibt Charles Darwin Anpassung folgendermaßen: Veränderungen in vererbbaren Merkmalen, die die Überlebens- und Fortpflanzungschancen erhöhen, setzen sich im Verlauf der Generationen in einer Population zunehmend durch. Dieser Prozess wird natürliche Selektion genannt und führt dazu, dass Arten immer besser an ihre Umwelt angepasst sind.
Jung zieht eine direkte Analogie zwischen den zwei psychischen Einstellungen und zwei grundlegenden Richtungen biologischer Anpassung. Er schreibt:
Die Natur kennt zwei fundamental verschiedene Wege der Anpassung und der dadurch ermöglichten Fortexistenz der lebenden Organismen: der eine Weg ist die gesteigerte Fruchtbarkeit bei relativ geringer Verteidigungsstärke und Lebensdauer des einzelnen Individuums; der andere Weg ist die Ausrüstung des Individuums mit vielerlei Mitteln der Selbsterhaltung bei relativ geringer Fruchtbarkeit.
In diesem biologischen Gegensatz erkennt Jung eine gemeinsame Grundlage sowohl der biologischen Anpassung an die Umwelt als auch der Anpassung durch die psychische Einstellung zum Objekt. Er betont:
Hier möchte ich mich auf einen allgemeinen Hinweis beschränken: auf die Eigenart des Extravertierten einerseits, sich beständig auszugeben und sich in alles hineinzuverbreiten, und auf die Tendenz des Introvertierten andererseits, sich gegen äußere Ansprüche zu verteidigen, sich möglichst aller Energieausgaben, die sich direkt auf das Objekt beziehen, zu enthalten und sich dafür eine möglichst gesicherte und mächtige Position zu schaffen.
So versteht Jung extravertierte und introvertierte Einstellungen als zwei unterschiedliche, biologisch fundierte Arten der Anpassung, die jeweils lebensfähig und auf ihre Weise erfolgreich sind.
Schluss
Extraversion und Introversion sind bei Jung allgemeine Einstellungstypen, die sich unterscheiden:
- im Verhältnis zum Objekt;
- in der Richtung des Interesses und der Bewegung der Libido;
- in ihrer instinktiven Grundlage;
- in ihrer Art der Anpassung an die Umwelt.
Jung betrachtet sie als zwei grundlegende Formen psychischer Anpassung, von denen jede ihre eigene Logik und ihre eigene Lebensfähigkeit besitzt.