Psychologische Funktionen

Grundbegriffe

Nach der Unterscheidung zweier grundlegender Einstellungen zum Objekt unterschied Carl Gustav Jung vier grundlegende psychologische Funktionen:

  • Wahrnehmung von Invarianten (Empfindung, Sinnliche Wahrnehmung, sensation, S),
  • Wahrnehmung von Veränderungen (Intuitive Wahrnehmung, intuition, N),
  • Fühlen (feeling, F),
  • Denken (thinking, T).

Jede der vier Grundfunktionen kann in zwei Einstellungen auftreten: in der extravertierten und in der introvertierten. Entsprechend werden acht Funktionen unterschieden:

  • extravertierte Wahrnehmung von Veränderungen – extravertierte Intuition (Ne),
  • introvertierte Wahrnehmung von Veränderungen – introvertierte Intuition (Ni),
  • extravertierte Wahrnehmung von Invarianten – extravertierte Empfindung (Se),
  • introvertierte Wahrnehmung von Invarianten – introvertierte Empfindung (Si),
  • extravertiertes Fühlen (Fe),
  • introvertiertes Fühlen (Fi),
  • extravertiertes Denken (Te),
  • introvertiertes Denken (Ti).

Dabei bezeichnen die Buchstaben e und i die Einstellung, während N, S, F und T die jeweilige Grundfunktion kennzeichnen.

Nach Jung gelten Wahrnehmung von Invarianten und Wahrnehmung von Veränderungen als irrationale Funktionen, während Fühlen und Denken zu den rationalen Funktionen gehören (von ratio – Vernunft, Urteil).

Die irrationalen Funktionen nehmen das Objekt als in der Wirklichkeit gegeben.

Die rationalen Funktionen bilden Urteile über die Wirklichkeit.

Irrationale Funktionen — Funktionen der Wahrnehmung

Der von Jung verwendete Begriff Wahrnehmung wird im Deutschen wie auch in anderen Sprachen häufig mit „Perzeption“ gleichgesetzt.

Bei Jung bezeichnet Wahrnehmung jedoch nicht bloß einen sensorischen oder kognitiven Vorgang.

In diesem Text wird Wahrnehmung nicht im Sinne von Sinneswahrnehmung, Informationsaufnahme oder Reizverarbeitung verstanden. Sie bezeichnet vielmehr einen Akt, in dem etwas als wirklich anerkannt wird.

Genauer gesagt meint Wahrnehmung:

das Als-wirklich-Nehmen dessen, was sich zeigt.

Diese Formulierung bewahrt beide Bestandteile des deutschen Verbs wahr-nehmen:

  • nehmen — ein aktives Annehmen oder Ergreifen,
  • wahr — nicht logische Wahrheit, sondern das Anerkennen von etwas als wirklich.

Wahrnehmung bedeutet daher nicht: „erhaltene Daten“, sondern vielmehr:

Dies ist als wirklich anerkannt worden;
Dies ist als real angenommen worden.

Warum Wahrnehmung schwer zu übersetzen ist

Im zeitgenössischen Sprachgebrauch wird Wahrnehmung oft neutral, technisch oder physiologisch verstanden. Sie ist eng mit Sinnesfunktionen und kognitiver Verarbeitung verbunden und besitzt daher wenig ontologisches Gewicht.

Jungs Wahrnehmung hingegen bezeichnet bereits einen Akt der Anerkennung von Wirklichkeit. Sie ist nicht bloß eine Funktion der Sinne oder der Psyche, sondern ein Vorgang, in dem Wirklichkeit als solche anerkannt wird.

Aus diesem Grund wird der Begriff Wahrnehmung in diesem Text nicht durch einen einzelnen Ersatzbegriff erklärt, sondern konsequent als eigenständiger Terminus verwendet.

Wahrnehmung von Invarianten (Empfindung) und Wahrnehmung von Veränderungen (Intuition) als zwei Modi der Wahrnehmung

Wahrnehmung von Invarianten (Empfindung, Sinneswahrnehmung) und Wahrnehmung von Veränderungen (Intuition) sind zwei unterschiedliche Modi der Wahrnehmung.

Sie sind keine Formen der Verarbeitung oder Interpretation. Sie sind Formen des unmittelbaren Kontakts mit der Wirklichkeit.

Wahrnehmung von Invarianten und Wahrnehmung von Veränderungen stehen einander gegenüber, jedoch nicht im Sinne eines Konflikts, sondern im Sinne der Komplementarität.

Ihre Gegensätzlichkeit bedeutet, dass sie ein und dieselbe Wirklichkeit nach unterschiedlichen Prinzipien gliedern.

Wahrnehmung von Veränderungen nimmt den Wirklichkeitsgehalt im Aspekt von Veränderung wahr.

Wahrnehmung von Invarianten nimmt das wahr, was an der Wirklichkeit beständig bleibt und mit sich selbst identisch ist.

Beide Funktionen nehmen das Objekt und seine Handlungen in der Zeit wahr;
die Wahrnehmung von Veränderungen abstrahiert jedoch vom Gleichbleibenden und erfasst die Veränderung,
während die Wahrnehmung von Invarianten von der Veränderung abstrahiert und das sich selbst Gleiche festhält.

Wird innerhalb der ganzheitlichen Wahrnehmung der Wirklichkeit alles Veränderliche außer Acht gelassen,
so bleibt der Inhalt der Wahrnehmung von Invarianten.

Wird hingegen alles Stabile und Dauerhafte außer Acht gelassen,
so bleibt der Inhalt der der Wahrnehmung von Veränderungen.

Die beiden entgegengesetzten Funktionen schließen einander daher nicht aus, sondern ergänzen sich wechselseitig. Gemeinsam bilden sie die Ganzheit der Wahrnehmung.

Anmerkung zur Intuition

In der klassischen jung’schen Typologie wird Intuition vor allem über die Quelle ihres Inhalts bestimmt — als Wahrnehmung, die durch das Unbewusste vermittelt ist.

In dem hier vertretenen Ansatz verschiebt sich der Akzent von der Quelle der Intuition auf den Aspekt der Wirklichkeit, der zum Gegenstand der Wahrnehmung wird.

Intuition wird hier als Wahrnehmung von Veränderungen verstanden und auch als Wahrnehmung von Veränderungen bezeichnet.

Sie bezeichnet nicht das Unbewusste als solches. Intuition kann sowohl bewusst als auch unbewusst sein; ihre Wesensbestimmung liegt nicht in dieser Unterscheidung.

Irrationale Funktionen und Wirklichkeit

In Jungs Terminologie heißen Empfindung und Intuition irrationale Funktionen.

Dies bedeutet keineswegs etwas Chaotisches oder Unlogisches. „Irrational“ heißt hier lediglich, dass diese Funktionen keine Urteile bilden. Sie bewerten nicht, bejahen oder verneinen keine Bedeutung.

Sie vollziehen Wahrnehmung — das Als-wirklich-Nehmen dessen, was sich zeigt.

Umbenennung der zwei irrationalen Funktionen

In dieser Arbeit benenne ich die Wahrnehmungsfunktionen als Wahrnehmung von Invarianten und Wahrnehmung von Veränderungen um.

In der klassischen Terminologie von C. G. Jung entsprechen ihnen Empfindung und Intuition. In späteren Typologien, zum Beispiel im MBTI, wird für Empfindung häufig der Begriff Sensing (S) oder Sinneswahrnehmung/sinnliche Wahrnehmung verwendet.

Ich führe diese neuen Bezeichnungen ein, um das Wesen dieser Funktionen klarer zu bestimmen und eine Vermischung mit den alltagssprachlichen Bedeutungen der Begriffe „Intuition“ und „Sinneswahrnehmung“ sowie mit Jungs Verständnis dieser Funktionen zu vermeiden.

In den neuen Begriffen verschiebt sich der Fokus darauf, welcher von zwei gegensätzlichen und einander ergänzenden Aspekten der Realität durch die jeweilige Funktion wahrgenommen wird:
entweder das, was unverändert bleibt und mit sich selbst identisch ist – dies ist die Wahrnehmung von Invarianten;
oder das, was sich verändert und wird – dies ist die Wahrnehmung von Veränderungen.

Rationale Funktionen: Denken und Fühlen

Im Unterschied zu den irrationalen Funktionen, die Wahrnehmung vollziehen – also das Objekt als wirklich annehmen –, bilden die rationalen Funktionen Urteile über das Objekt.

Denken

Denken ist die Bildung begrifflicher Urteile, die in Sprache (verbal oder symbolisch) ausgedrückt werden.
Die innere Rede ist ein Beispiel für Denken.

Die vollständigste und präziseste Definition des Denkens lautet: die Bildung von Information.

Information ist Wissen über Dinge, Fakten, Begriffe, Anweisungen usw., das in einer Form dargestellt ist, die zur Interpretation, Kommunikation und Verarbeitung geeignet ist.

Der Inhalt des extravertierten Denkens ist Information über konkrete Objekte.
Bei der Introversion erfolgt eine Abstraktion vom Objekt; introvertiertes Denken ist abstraktes Denken.

Beispiele für introvertiertes Denken: das Lösen mathematischer Aufgaben, das Durchdenken von Schachzügen.
Beispiele für extravertiertes Denken: die Bewertung einer Ware im Geschäft, Buchhaltung, das Durchdenken der Raumgestaltung oder einer Landkarte, Benimmregeln, Verkehrsregeln.

Fühlen

Fühlen ist ebenfalls eine Urteilsfunktion; im Unterschied zum Denken wird das Urteil jedoch nicht in Begriffen ausgedrückt.

Fühlen stellt eine Bewertung dar – Annehmen oder Ablehnen (Lust oder Unlust) – ohne verbale Form.

Es ist eine binäre Bewertung des Objekts (Annehmen/Ablehnen), ohne Skala, ohne quantitative Abstufung.

Extravertiertes Fühlen ist dem Objekt gegenüber positiv; es steigert dessen Wert.

Introvertiertes Fühlen hingegen entzieht dem Objekt Libido und mindert dessen Wert.

Die Gegensätzlichkeit von Denken und Fühlen

Denken und Fühlen beziehen sich auf dasselbe Objekt oder denselben Prozess; sie schließen sich jedoch gegenseitig aus, da sie nicht im selben Urteilsakt realisiert werden können.

In jedem konkreten Moment des Urteilens ist entweder die Denkfunktion oder die Fühlfunktion aktiv. Wenn die Denkfunktion aktiviert ist, wird die Fühlfunktion deaktiviert – und umgekehrt.

Fühlen bleibt dort bestehen, wo die innere Rede zum Stillstand kommt. Dabei ist die Fähigkeit, die innere Rede zu unterbrechen, nicht für alle psychologischen Typen gleichermaßen zugänglich.

Der Unterschied zwischen den vier psychologischen Funktionen

Die psychologischen Funktionen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer grundlegenden Art der Bezugnahme des Bewusstseins auf die Wirklichkeit. Sie bilden unterschiedliche Arten psychischen Inhalts und gliedern die Wirklichkeit nach verschiedenen Prinzipien.

Fühlen

→ Bewertung ohne Worte
→ binäre Bewertung
→ Annehmen oder Ablehnen als unmittelbarer Akt

Denken

→ begriffliche Bestimmung
→ Zuordnung zu einer Klasse („Dies ist eine Gabel“, „Dies ist ein unbelebter Gegenstand“)
→ Urteil
→ Begründung, Argument, Kriterium

Wahrnehmung enthält weder eine positive noch eine negative Stellungnahme; sie billigt nicht und lehnt nicht ab (im Unterschied zum Fühlen).

Und Wahrnehmung enthält keine in Worte, Zeichen oder Formeln gefassten Begriffe; sie benennt nicht (im Unterschied zum Denken).

Orientierung des Bewusstseins und die Verbindung der Funktionen

Eine irrationale Funktion ermöglicht die Wahrnehmung des Objekts in der Zeit.

Eine rationale Funktion ermöglicht das Urteil über das Objekt.

Die Verbindung der Funktionen ist nur zwischen einer rationalen und einer irrationalen Funktion möglich und bedeutet, dass sich Wahrnehmung und Urteil auf dasselbe Objekt beziehen.

Die Orientierung des Bewusstseins ist nur durch das Vorhandensein zweier komplementärer Akte möglich: der Wahrnehmung eines Objekts und eines Urteils über seine Bedeutung.

Bei Wahrnehmung ohne Urteil weiß das Subjekt nicht, was das, was geschieht, für es bedeutet.

Bei einem Urteil ohne Wahrnehmung ist das Objekt des Urteils entweder erinnert oder vorgestellt; das Fehlen der Wahrnehmung bedeutet das Fehlen einer Rückkopplung mit der Realität und die Unmöglichkeit, das Urteil an der Realität zu überprüfen.

Fühlen und Affekt (Emotion)

Es ist wichtig zu betonen: Fühlen ist nicht Emotion.

Jung verwendet den Begriff Affekt (oder Emotion) zur Bezeichnung eines Zustands, in dem sich der Inhalt des Fühlens mit den Inhalten anderer Funktionen vermischt und der von ausgeprägten körperlichen Reaktionen begleitet wird (Muskelanspannung, Veränderungen der Atmung, vegetative Reaktionen).

Im Affekt treten undifferenzierte, untereinander verschmolzene Funktionsinhalte ins Bewusstsein. Dabei können Fragmente von Wahrnehmung, Fühlen oder Denken vorhanden sein – jedoch nicht in Form von Elementen differenzierter Funktionen, sondern als unstrukturierter, nicht in Elemente gegliederter Gesamtinhalt.

Differenzierung der Funktion

„Die Differenzierung besteht in der Absonderung der Funktion von anderen Funktionen sowie in der Absonderung ihrer einzelnen Elemente voneinander.“

Ein Element ist ein abgegrenzter Teil des Funktionsinhalts, getrennt sowohl von anderen Teilen derselben Funktion als auch von anderen Funktionen.

Nach Jung wird bei der Bildung eines Funktionselements der Inhalt der entgegengesetzten Funktion als undifferenziert abgespalten.

Der Inhalt einer differenzierten Funktion besteht aus Elementen. Eine undifferenzierte Funktion bildet keine Elemente; ihr Inhalt ist sowohl in sich selbst als auch mit anderen Funktionen verschmolzen.

Eine undifferenzierte Funktion kann dennoch bewusst sein. Eine Funktion gilt als bewusst, wenn das Subjekt versteht, welche Art der Orientierung in einer gegebenen Situation erforderlich ist und welche Erwartungen mit ihr verbunden sind.

„In der Regel ist die nicht differenzierte Funktion dadurch charakterisiert, dass sie die Eigenschaften der Ambivalenz und der Ambitendenz besitzt; das heißt, jede Position führt die Negation merklich mit sich, woraus kennzeichnende Hemmungen im Gebrauch der nicht differenzierten Funktion entstehen.“

Infolgedessen ist das Subjekt – trotz seines bewussten Wollens – nicht in der Lage, den entsprechenden Orientierungsakt zu vollziehen.

Haupt- und Hilfsfunktion

Die Hierarchie der Funktionen beruht auf struktureller Asymmetrie → mehr dazu: Asymmetrie als grundlegende Eigenschaft alles Lebendigen

 

Jung stellte fest, dass nur eine Funktion – die am stärksten differenzierte – die Orientierung des Bewusstseins bestimmt. Er nannte sie die Hauptfunktion.

Die Elemente der Hauptfunktion bilden sich spontan als eigener Prozess des Bewusstseins und unterliegen nicht der bewussten Kontrolle.

Psychologische Typen, deren Hauptfunktion rational ist, werden als rationale Typen bezeichnet; Typen, deren Hauptfunktion irrational ist, als irrationale Typen.

Jung schrieb, dass neben der Hauptfunktion im Bewusstsein eine weitere differenzierte Funktion vorhanden sein müsse, die er Hilfsfunktion nannte und gelegentlich auch als sekundäre Funktion bezeichnete. Da beide Funktionen – die Haupt- und die Hilfsfunktion – bewusst sein müssen, stehen sie entweder beide in extravertierter oder beide in introvertierter Einstellung.

Ist die Hauptfunktion irrational, so muss die Hilfsfunktion rational sein – entweder Fühlen oder Denken (in derselben Einstellung wie die Hauptfunktion).
Ist die Hauptfunktion rational, so ist die Hilfsfunktion entweder Wahrnehmung von Veränderungen oder Wahrnehmung von Invarianten.
Gehören Haupt- und Hilfsfunktion derselben Funktionsklasse an (beide rational oder beide irrational), so wird der Akt der Orientierung des Bewusstseins unmöglich, da das komplementäre Verhältnis von Wahrnehmung und Urteil aufgehoben wird.

Bei rationalen Typen geht die Urteilsbildung der Wahrnehmung des Objekts voraus: Das Objekt wird im Einklang mit bereits vorhandenen, apriorischen Urteilen wahrgenommen. Dies entspricht dem, was Jung als „subjektiv gefärbte“ oder vom „subjektiven Faktor“ bestimmte Wahrnehmung bezeichnete.

Ist die Hilfsfunktion introvertierte Wahrnehmung von Invarianten (Si) oder introvertierte Wahrnehmung von Veränderungen (Ni), so wird das Objekt als abstrakt wahrgenommen (im Falle einer Hauptfunktion Denken Ti) oder in negativen – nicht wertvollen – Eigenschaften (im Falle einer Hauptfunktion Fühlen Fi).

Ist die Hilfsfunktion extravertierte Wahrnehmung von Invarianten (Se) oder extravertierte Wahrnehmung von Veränderungen (Ne), so wird das Objekt als konkret wahrgenommen, mit nur ihm eigenen Eigenschaften (im Falle einer Hauptfunktion Denken Te) oder mit positiven – wertvollen – Eigenschaften (im Falle einer Hauptfunktion Fühlen Fe).

Bei irrationalen Typen nehmen die Hauptfunktionen in beiden Einstellungen das Objekt wertfrei und unvoreingenommen wahr, gleichsam objektiver, unabhängig vom „subjektiven Faktor“. Die Buchstaben e und i bezeichnen in diesem Zusammenhang lediglich die allgemeine (dominierende) Einstellung des Bewusstseins.

Die Einstellung (extravertiert oder introvertiert), die Hauptfunktion und die Hilfsfunktion bestimmen gemeinsam den Typ vollständig und legen die Anordnung der Funktionen im Modell des Bewusstseins fest.

Daher bezeichnen wir die Typen mit drei lateinischen Buchstaben:
Der erste Buchstabe (E oder I) kennzeichnet die Einstellung,
der zweite die Hauptfunktion,
der dritte die Hilfsfunktion;
wobei S, N, F und T entsprechend Wahrnehmung von Invarianten, Wahrnehmung von Veränderungen, Fühlen und Denken bezeichnen.

Rechte und linke sekundäre Funktionen

Die Hierarchie der Funktionen beruht auf struktureller Asymmetrie → mehr dazu: Asymmetrie als grundlegende Eigenschaft alles Lebendigen

 

Für die Rolle der Hilfsfunktion kämen formal zwei Funktionen in Betracht (nennen wir sie sekundäre Funktionen). Bei rationalen Typen sind dies Wahrnehmung von Invarianten und Wahrnehmung von Veränderungen, bei irrationalen Typen Denken und Fühlen.

Von diesen beiden einander entgegengesetzten Funktionen ist jedoch nur eine differenziert; beide sind jedoch bewusst und können – im Unterschied zur Hauptfunktion – bewusst aktiviert werden.

Wir bezeichnen diese beiden sekundären Funktionen nach ihrer Stellung im Schema als linke sekundäre Funktion (undifferenziert) und rechte sekundäre Funktion (Hilfsfunktion, differenziert).

Die Abbildung zeigt das funktionale Schema eines introvertierten Typs mit der Hauptfunktion Denken und der Hilfsfunktion Wahrnehmung von Veränderungen – des Typs ITN. 

Dieses Schema stellt einen konkreten Typ auf der Grundlage des allgemeinen funktionalen Schemas dar, das aus dem Modell des Bewusstseins abgeleitet wurde.

Die Kreise bezeichnen differenzierte Funktionen, die „Wolken“ undifferenzierte. Gestrichelte Linien kennzeichnen eine spontane, nicht bewusst gesteuerte Aktivierung von Funktionen; Pfeile bezeichnen die bewusste Aktivierung von Funktionen.

Aktivierung der sekundären Funktionen und rechter / linker Weg

Die beiden sekundären Funktionen des Typs ITN können alternativ aktiviert werden. Das bedeutet: Ist die introvertierte Wahrnehmung von Veränderungen Ni aktiv (rechte sekundäre / Hilfsfunktion), so bleibt die introvertierte Wahrnehmung von Invarianten Si (linke sekundäre Funktion) inaktiv; Si ist „ausgeschaltet“, und damit auch der gesamte linke Block (den wir als linken Weg bezeichnet haben).

Ist hingegen die introvertierte Wahrnehmung von Invarianten Si aktiv, so bleibt die introvertierte Wahrnehmung von Veränderungen Ni inaktiv – und mit ihr die gesamte differenzierte Konfiguration des rechten Weges.

Die Übergänge vom rechten zum linken Weg und zurück sind diskret und prinzipiell jederzeit möglich.

Der rechte Weg

Auf dem rechten Weg sind alle vier Funktionen präsent:

  • Denken (Hauptfunktion) in zwei Einstellungen: Ti und Te,
  • Wahrnehmung von Veränderungen in introvertierter Einstellung: Ni,
  • Wahrnehmung von Invarianten in extravertierter Einstellung: Se,
  • Fühlen in introvertierter Einstellung: Fi.

Alle Funktionen sind auf dem rechten Weg differenziert; das Denken als Hauptfunktion erscheint sogar in beiden Einstellungen differenziert.

Der linke Weg

Auch auf dem linken Weg sind alle vier Funktionen vorhanden:

  • Denken in introvertierter Einstellung Ti (Hauptfunktion),
  • Wahrnehmung von Invarianten in introvertierter Einstellung Si,
  • Wahrnehmung von Veränderungen in extravertierter Einstellung Ne,
  • Fühlen in extravertierter Einstellung Fe.

Auf dem linken Weg ist jedoch nur eine Funktion differenziert — die Hauptfunktion. Die drei übrigen Funktionen sind undifferenziert, das heißt, ihre Inhalte sind sowohl in sich selbst als auch untereinander verschmolzen.

Hier entsteht das, was Jung als einseitige Entwicklung der Hauptfunktion und als funktionale Verzerrung beschrieben hat. Ein dauerhaftes Funktionieren bei undifferenzierten Funktionen erhöht das Risiko neurotischer Zustände.

Gedächtnis und Imagination

Der Inhalt psychologischer Funktionen entsteht aus dem Material, das von der Umwelt bereitgestellt wird. Die Umwelt kann reich oder arm sein; davon hängt die Anzahl der Elemente der Hauptfunktion ab (und auf dem rechten Weg auch die Anzahl der Elemente der drei übrigen Funktionen).

Funktionsinhalte können im Gedächtnis gespeichert werden. Beim Erinnern arbeiten die psychologischen Funktionen mit diesem gespeicherten Material – sowohl bei extravertierten als auch bei introvertierten Typen. Erinnerung ist stets eine Rekonstruktion.

Auch die Imagination arbeitet mit dem Material des Gedächtnisses.

Erinnerte oder vorgestellte Objekte sind Elemente der irrationalen Funktionen (Wahrnehmung von Invarianten und Wahrnehmung von Veränderungen), während Urteile über diese Objekte Elemente der rationalen Funktionen (Fühlen und Denken) sind. Bei jedem Erinnerungsakt werden die Elemente neu miteinander verbunden und können variieren.

Bei rationalen Typen werden aus dem Gedächtnis zunächst Elemente des Urteils und/oder der Bewertung „ausgewählt“ und erst danach Wahrnehmungselemente, die mit diesen Urteilen und/oder Bewertungen übereinstimmen. Deshalb können Erinnerungen rationaler Typen manchmal verzerrt erscheinen und Auslassungen oder Übertreibungen enthalten. 

Bei irrationalen Typen können Gedächtnis und Imagination detailreicher sein. Doch auch bei ihnen – wie bei rationalen Typen – sind Erinnerungsfehler möglich.

Da die Imagination mit demselben Material arbeitet wie das Gedächtnis und da Erinnerung eine aktive Rekonstruktion ist, steigt das Risiko von Gedächtnisverzerrungen mit zunehmender Flexibilität und Adaptivität der Imagination.

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