Warum Wilhelm Reich mit seinen Verwandten brach
Der ESF-Typ auf dem linken Weg
Der Typ von Wilhelm Reich ist ESF:
Einstellung zum Objekt – extravertiert;
Hauptfunktion – extravertierte Wahrnehmung von Invarianten (Se);
Hilfsfunktion – extravertes Fühlen (Fe).

Als Wilhelm Reich seine Bücher schrieb, befand er sich auf dem linken Weg. So bezeichne ich den Zustand des Bewusstseins, in dem nur eine einzige Funktion differenziert ist – die Hauptfunktion (Se – Wahrnehmung von Invarianten in extravertierter Einstellung).
Die Funktionen des rechten Weges – extravertes Fühlen (Fe), Wahrnehmung von Veränderungen (Ne) und introvertiertes Denken (Ti) sowie die Wahrnehmung von Invarianten in introvertierter Einstellung (Si) – befinden sich dann im Unbewussten.
Das Bewusstsein des ESF-Typs auf dem linken Weg ist erfüllt von undifferenzierten Inhalten des extravertierten Denkens (Te), des introvertierten Fühlens (Fi) und der introvertierten Wahrnehmung von Veränderungen (Ni).
C. G. Jung ordnete die undifferenzierten Funktionen dem Unbewussten zu, ging jedoch davon aus, dass sie ins Bewusstsein einbrechen und sich dort manifestieren.
▶ Erscheinung undifferenzierter Funktionen
Über irrationale Typen schrieb Jung:
Ihre Wahrnehmung richtet sich auf das schlechthin Vorkommende, das keiner Auswahl durch Urteil unterliegt. ... Sie sind bloß in hohem Maße empirisch; sie gründen sich ausschließlich auf Erfahrung, sogar dermaßen ausschließlich, dass ihr Urteil mit ihrer Erfahrung meistens nicht Schritt halten kann.
Eine solche Ausschließlichkeit der Wahrnehmung liegt jedoch nur auf dem linken Weg vor, wo neben der Hauptfunktion drei undifferenzierte und miteinander verschmolzene Funktionen im Bewusstsein vorhanden sind: beide rationalen Funktionen (Urteilsfunktionen) und die der Hauptfunktion entgegengesetzte irrationale Funktion.
Auf dem linken Weg ist die Hauptfunktion immer die einzige differenzierte Funktion, und deshalb nimmt sie eine ausschließliche Stellung im Bewusstsein ein.
Weiter schreibt Jung darüber, wie sich die undifferenzierten rationalen Funktionen (Urteilsfunktionen) bei irrationalen Typen manifestieren.
Aber die Urteilsfunktionen sind trotzdem vorhanden, nur fristen sie ein zum großen Teil unbewusstes Dasein. Insofern das Unbewusste trotz seiner Abtrennung vom bewussten Subjekt doch immer wieder in die Erscheinung tritt, so machen sich auch im Leben der irrationalen Typen auffallende Urteile und auffallende Wahlakte bemerkbar in Form von anscheinender Vernünftelei, kaltherziger Urteilerei und anscheinend absichtsvoller Auswahl von Personen und Situationen. Diese Züge tragen ein infantiles oder auch primitives Gepräge; bisweilen sind sie auffallend naiv, bisweilen auch rücksichtslos, schroff und gewalttätig.
Mir schien, dass einige Stellen aus dem Buch „Leidenschaft der Jugend. Autobiographie. 1897–1922“ von Wilhelm Reich undifferenzierten Zustand der Funktionen des extravertierten Denkens (Te) und des introvertierten Fühlens (Fi) und ihre Verschmelzung miteinander veranschaulichen.
Extravertiertes Denken ist die Bildung begrifflicher Urteile über konkrete Objekte, und häufig sind es Urteile über Einnahmen und Ausgaben oder etwa Regeln des guten Tons oder Urteile über gesundheitlichen Nutzen.
Fühlen ist ebenfalls eine Urteilsfunktion; ihr Inhalt sind Bewertungen im Sinne von Annehmung oder Ablehnung. Introvertiertes Fühlen entwertet und weist das Objekt häufig zurück.
▶ Beispiel: Episode mit den Verwandten
Nach dem Krieg wurde Wilhelm Reich im Alter von 21 Jahren Student der Medizin an der Universität Wien. Über die Wahl seines Berufs schreibt er:
…ich war völlig ahnungsloser Student, wieder einer von Tausenden, ohne bewusste Ansprüche an ein besseres Leben, begnügt mit der Hoffnung, einmal einen ordentlichen Beruf auszuüben und mein Leben zu bestreiten. Ich kämpfte um meine materielle Unabhängigkeit.
Wilhelm Reich erzählt von einem Fall, der zum Bruch mit den Verwandten führte. Diese Episode ist in die Darstellung eines armen und schwierigen Studentenlebens eingeflochten.
Die Loslösung von der Familie ging Hand in Hand mit der Sicherung der materiellen Selbstversorgung. In Wien lebten Brüder meines Vaters, beide zwar nicht reich, aber materiell ausreichend gestellt, sodass mein Bruder und ich leicht hätten versorgt werden können. Die Reste unseres früheren Vermögens waren unerreichbar.
Unsere Heimat war an Rumänien gefallen.
Die Lebensversicherung meines Vaters war vollständig entwertet.
So waren mein Bruder und ich auf Unterstützungen angewiesen. Eine Tante in Amerika schickte einmal einige Dollar. Einer der beiden Onkel, der uns mochte, gab von Zeit zu Zeit hundert österreichische Kronen, die gerade entwertet wurden. Anfangs aßen wir gelegentlich bei den Verwandten. Doch familiäre Verbundenheit und Schwärmerei sehen in der Praxis anders aus. Die Frauen der Onkel zogen ihre eigenen Kinder vor. Wir aßen ihnen das Wenige in den Hungerjahren weg. Es war peinlich und bitter. Eines Tages servierte eine der Tanten ihren Kindern Kaffee, mir schenkte sie danach einen zweiten Aufguss ein. Ich wusste, dass sie ihren Kindern das nie gegeben hätte. Ich ging wortlos hinaus, schlug die Tür zu und sah die Verwandten nie wieder.
Ich verstehe die Kränkung des jungen Wilhelm Reich, kann aber in dieser Episode nicht umhin, eine extreme Undankbarkeit zu sehen.
Es geht hier nicht einfach um mangelnden Takt oder emotionale Unreife, sondern um eine vollständige Verzerrung der Beziehung zum Objekt: Hilfe wird als Demütigung erlebt, Abhängigkeit als Beleidigung.
Solche Gefühle lassen sich durch die Funktionskonfiguration des ESF-Typs auf dem linken Weg erklären, wo beide Urteilsfunktionen (sowohl Denken als auch Fühlen) nicht differenziert sind und das Fühlen in introvertierter Einstellung einen entwertenden Charakter trägt.
Die Verschmelzung des extravertierten Denkens mit dem introvertierten Fühlen kann auch die folgende Passage aus dem Buch von Wilhelm Reich erklären, in der von der Sehnsucht nach der eigenen Familie im Zusammenhang mit Lebensmittelpaketen die Rede ist.
Ich wohnte in einem ungeheizten möblierten Zimmer zusammen mit meinem Bruder und einem Studenten, der später Psychoanalytiker wurde. Dass er von seiner Mutter von Zeit zu Zeit Lebensmittel erhielt, erwähne ich nur deshalb, weil solche Ereignisse eine große Rolle in dem Kampf spielten, den ich in diesen Jahren mit meiner eigenen Familiensehnsucht auskämpfte.
Gewöhnlich bedeutet Sehnsucht nach der Familie nicht den Wunsch, materielle Unterstützung von der Familie zu erhalten; oft bedeutet sie sogar das Gegenteil — den Wunsch, für die Familie zu sorgen. Bei der Verschmelzung des extravertierten Denkens mit dem introvertierten Fühlen ist das nicht der Fall.
▶ Einstellung:
Ehe = Verkauf
Leben = Geschäft
Früher schien mir, dass eine solche Einstellung für das extravertierte Denken überhaupt charakteristisch sei.
Jetzt verstehe ich, dass sie nur bei undifferenziertem extravertiertem Denken möglich ist, das mit der Funktion des introvertierten Fühlens verschmolzen ist.
Diese Verschmelzung erzeugt eine Einstellung zu anderen Menschen je nachdem, ob man sie benutzen kann oder nicht. Und bei anderen Menschen wird dieselbe Einstellung zu sich selbst vorausgesetzt.
Ich wurde als hoffnungsvoller Arzt angesehen, besonders von den Verwandten. Bevor ich mit ihnen brach, versuchte man, mich „reich zu verheiraten“.
Die Verwandten verdächtigte Wilhelm Reich, die Hoffnung zu hegen, dass er bald ein erfolgreicher und wohlhabender Arzt werde und dass die Verwandtschaft mit ihm dann Vorteile bringen würde: als ob die Verwandten sich nur deshalb um ihn kümmerten, weil sie damit rechneten, dass er ihnen ihre Fürsorge hundertfach zurückzahlen würde.
So sollte ich aus dem Elend, das sehr groß war, herauskommen. Es war nicht leicht, nein zu sagen. Ich lebte mehr als ein Jahr abstinent, mit seltener Selbstbefriedigung, und sehnte mich nach einer Frau. Doch ich wollte frei sein und fürchtete, mich zu binden. Ich war kurze Zeit mit einem hübschen Mädchen verlobt, doch schlafen wollte sie nicht mit mir, und klug reden konnte sie auch nicht. Ich ließ sie stehen. Zwei oder drei Angebote, mich zu „verkaufen“, schlug ich nach Überlegung aus.
Es war nicht leicht, nein zu sagen, weil weder eine differenzierte gefühlsmäßige Bewertung noch ein differenziertes Nachdenken darüber vorhanden war, ob man heiraten sollte oder nicht.
Was geschieht in der Episode mit dem Mädchen?
Das Objekt wird negativ nach zwei Parametern bewertet:
- sexuelle Zugänglichkeit
- „Klugheit“ (nicht näher bestimmt)
Doch es stellt sich die Frage: warum war er dann überhaupt mit ihr verlobt?
Dies ähnelt einer ambivalenten Beziehung zum Objekt:
einerseits die Annahme des Objekts (in dem Maße, wie die Verlobung zustande kam),
andererseits die Ablehnung des Objekts (in dem Maße, wie Wilhelm das Mädchen verlässt).
Und dass die Angebote, sich zu „verkaufen“, erst nach Überlegung abgelehnt wurden, lässt mich vermuten, dass diese Überlegungen darin bestanden abzuwägen, ob er sich nicht zu billig verkaufen würde, wenn er sich nicht teuer genug „verkaufte“.
So wird in dieser Episode besonders deutlich sichtbar, dass die Urteilsfunktionen nicht verschwinden, sondern lediglich ihre Differenziertheit verlieren.
Sie wirken weiter, aber in Form scharfer, abrupter und scheinbar rationaler Entscheidungen, die weder von einem ausgearbeiteten Denken noch von einer wirklichen gefühlsmäßigen Beziehung zum Objekt begleitet werden.