Wilhelm Reich: Erinnerungen an Familie und Bruder
Wilhelm Reich begann 1919, als 22jähriger Student der Medizin, ein Tagebuch zu führen, und im gleichen Jahr schrieb er seine Erinnerungen an seine Kindheit und Jugendzeit auf. Später, 1937, kamen seine Erfahrungen aus dem "Großen Krieg" und dem Medizinstudium an der Universität in Wien hinzu.
Über seinen drei Jahre jüngeren Bruder schreibt der 22jährige Wilhelm Reich:
Das ursprünglich so schlechte Verhältnis zu meinem Vater hatte eine sehr tiefe Wurzel, es hing nämlich mit meiner schwarzen Haar- und der Regenbogenhautfarbe zusammen, einem Erbteil meiner Großmutter mütterlicherseits, mit der Vater in echtem Schwiegermutterverhältnis lebte.
Ich war stets der Liebling meiner Mutter, mein Bruder (goldblond) der meines Vaters.
Noch ein Umstand ist bedeutsam: Ich erinnere mich aus jener Zeit an meinen Bruder (fünf bis zehn Jahre) so gut wie gar nicht. Dies ist wohl daraus zu erklären, dass ich bei meiner Bindung an die Mutter und dem Entgegenkommen, welches ich bei ihr fand, die Konkurrenz meines Bruders nicht fürchtete.
Später lebte ich mit ihm sehr schlecht.
Hingegen wurzelte meine Gleichgültigkeit (wenn nicht mehr!) dem Vater gegenüber teils in seinem Verhalten mir gegenüber, teils jedoch in der Angst vor seiner Nebenbuhlerschaft.
Außerdem hielt ich mich auch aus folgendem Grunde (der die Katastrophe über unsere Familie heraufbeschwor) an die Mutter: Obwohl Vater sie innigst liebte, ja vergötterte, entwickelte er eine Eifersucht, die für meine Mutter geradezu zur Tortur führte.
Vater war, ganz im Gegensatz zu ihr, furchtbar jähzornig, dabei aber ein seelenguter, intelligenter und gescheiter Mensch.
Mutter zitterte vor ihm (wörtlich zu nehmen!) in seinen "aufgeregten" Stunden, egal ob die Ursache außer Hause oder im Hause lag, genauso wie ich.
Mein Bruder ist auch jähzornig, und da er auch sonst dem Vater und den Angehörigen seiner Familie glich, ward er vom Vater stets als der "echte" Mann mir entgegengehalten, der ich nie jähzornig, dafür aber sehr nachtragend war.
Vater stellte an mich auch stets weit größere Anforderungen in der Arbeit als an Robert.
Ich erinnere mich an folgende Szene aus meinem siebten Lebensjahr. Wir hatten eine Gouvernante, die mich für die Prüfungen der Normalschulklassen vorbereitete. Eines Tages schrieb ich ein Diktat in unserem Kinderzimmer. Das Fenster führte auf einen Gartenvorbau. Vater kam zum Fenster und ließ sich das Heft zeigen. Ich zitterte bereits und stand geneigten Kopfes da, das bestimmt Kommende erwartend. Richtig! Da hörte ich auch schon Vaters strenge Stimme vom Fenster herkommen. Ich ging hin und da erfuhr ich, begleitet von einer Erläuterung in Form von zwei Ohrfeigen, dass ich einen geringfügigen Fehler gemacht hatte. Zur Strafe musste ich außerdem in der Küche essen.