Weltbild und psychologische Funktionen
Um Orientierung und Anpassung in der realen Welt zu ermöglichen, muss das Bewusstsein ein Modell der Realität konstruieren — ein Weltbild.
Verwendet man die Sprache formaler Systemmodelle, wie etwa im Standard RM-ODP, kann die Welt durch mehrere grundlegende Elemente beschrieben werden: Objekte, ihre Zustände, Handlungen und Interaktionen. Objekte besitzen Zustände; Handlungen finden in der Zeit statt und können Zustände verändern; Zustände bestimmen, welche Handlungen möglich sind; Interaktionen sind Handlungen, an denen mehrere Objekte beteiligt sind. Eine geordnete Folge von Handlungen wird als Prozess bezeichnet.
Zeitlichkeit als Bedingung des Erlebens
Die Welt existiert in der Zeit.
Zeitlichkeit zeigt sich nicht nur als Veränderung, sondern auch als Beständigkeit.
Um die Welt wahrzunehmen, muss das Bewusstsein:
- die Identität von Objekten und Prozessen über die Zeit hinweg aufrechterhalten,
- und ihre Veränderungen erfassen.
Diese beiden Aspekte sind nicht im selben Wahrnehmungsakt gegeben.
Um die Ganzheit eines Objekts oder Prozesses wahrzunehmen, sind zwei unterschiedliche Operationen erforderlich, von denen jede nur einen Aspekt isoliert.
Daraus folgen die ersten beiden Operationen: Wahrnehmung von Invarianten und Wahrnehmung von Veränderungen.
Damit diese Aspekte des Erlebens dargestellt und für die Orientierung genutzt werden können, sind außerdem Operationen der Informationsbildung und der Bestimmung des Wertes für das Subjekt erforderlich.
Vier notwendige Operationen
1. Wahrnehmung von Invarianten
Im Fluss des Geschehens existieren Eigenschaften, die bei Veränderungen erhalten bleiben — Invarianten. Dazu gehören vor allem die Identität von Objekten, ihre Gleichheit mit sich selbst sowie stabile Eigenschaften von Objekten und stabile oder wiederkehrende Formen von Prozessen.
Ohne die Identifikation und Festhaltung dieser Invarianten im Bewusstsein ist die Gegenständlichkeit der Welt selbst unmöglich: Objekte können nicht als existierend und mit sich selbst identisch erkannt werden.
2. Wahrnehmung von Veränderungen
Neben der Beständigkeit treten in der Welt fortwährend Veränderungen von Zuständen, neue Handlungen und Veränderungen von Prozessen auf. Das Bewusstsein muss diese Veränderungen und ihre Richtung erfassen; andernfalls zerfällt die Welt in unbewegliche und isolierte Fragmente.
3. Bildung von Information
Das durch Wahrnehmung gewonnene Wissen muss als Information dargestellt werden — in einer Form, die für Interpretation, Verarbeitung und Kommunikation geeignet ist. Hier entstehen Begriffe, Aussagen und Modelle. Sie stellen eine mitteilbare Darstellung des Erlebensinhalts dar, nicht das Erleben selbst als solche.
Ohne dies kann Wissen weder verstanden noch für Handlungen genutzt noch in Interaktionen eingebracht werden.
4. Bestimmung des Wertes
Das Bewusstsein muss den Wert des Geschehens für das Subjekt bestimmen.
Ohne dies sind weder Wahl noch Handlung möglich.
Zwei Achsen und zwei Ebenen der Modellbildung
Invarianten und Veränderungen sind zwei Aspekte von Zeitlichkeit:
- Invariante — Beständigkeit in der Zeit
- Veränderung — Umwandlung in der Zeit
Daraus ergeben sich nicht nur vier Operationen, sondern zwei Achsen und zwei Ebenen der Modellierung:
Zeitlichkeit (zwei Aspekte):
- Beständigkeit (Invariante)
- Veränderung
Arbeit mit Wissen:
- Information
- Wert für das Subjekt
Psychologische Funktionen
Das Wissen über Invarianten und Veränderungen ist Wissen über zwei Aspekte der Zeitlichkeit.
Information und Wert machen dieses Wissen für Orientierung und Anpassung in der Welt nutzbar.
Diese Operationen entsprechen den vier Funktionen, die von Carl Gustav Jung beschrieben wurden:
- Empfindung — Wahrnehmung von Invarianten
- Intuition — Wahrnehmung von Veränderungen
- Denken — Bildung von Information
- Fühlen — Bestimmung des Wertes für das Subjekt (des Wertes im Sinne des Annehmens oder Ablehnens / Lust oder Unlust)
Die irrationalen Funktionen (Wahrnehmung von Invarianten und Wahrnehmung von Veränderungen) arbeiten mit der zeitlichen Gegebenheit der Welt:
sie nehmen Beständigkeit und Veränderung wahr.
Die rationalen Funktionen (Denken und Fühlen) arbeiten mit Wissen:
das Denken bringt es in eine mitteilbare und verarbeitbare Form, das Fühlen bewertet es.